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Okinawa Report März 2013

Thilo 2013 3 4Ich habe wieder einmal viel zu erzählen, also seid gespannt! Vorab ein kurzer Überblick, was in diesem Bericht alles vorkommen wird und ja, auch dieses Mal gibt es wieder etwas Besonderes! Zunächst werde ich von einem Besuch im „Churaumi Suizokukan“ berichten, dem berühmten Aquarium in Nago. Danach werde ich erklären, wie es dazu kam, dass ich für einen Tag lang zum Dan Träger wurde. Den Höhepunkt im März bildete ohne Zweifel die Danprüfung im Jundokan, über die ich natürlich auch schreiben werde.
Zu guter letzt möchte ich ein Gedicht von Chojun Miyagi vorstellen. Es trägt den Titel „Karate to wa nan zo ya?“. Das bedeutet in etwa: „Was ist Karate?“

 

Es geht los mit dem Besuch im Aquarium. Das „Churaumi Suizokukan“ befindet sich in der Nähe des nördlich gelegenen Nago, direkt am Meer. Der Name des Aquariums bedeutet übersetzt so viel wie „Aquarium des schönen Meeres“. Dieses „Aquarium des schönen Meeres“ ist das größte Aquarium der Welt, zumindest war es das bis vor ein paar Jahren. Das Aquarium ist umgeben von einer großen Parkanlage an drei Seiten, an der westlichen Seite grenzt es direkt an das Meer, bzw. an den Strand.

Thilo 2013 3 1Aquarium des schönen Meeres“: Am Eingang werden die Besucher von einem großen Wal aus Metall begrüßt. Die Außenanlagen, z.B. große Konstruktionen aus Blumen, die Fische darstellen, oder fantasievolle Springbrunnen, sind allein schon eine Augenweide. Neben den Parkanlagen gibt es natürlich auch Souvenir Läden und Cafes. Im eigentlichen Aquarium können die mutigen unter den Besuchern erfahren, wie es sich anfühlt einen lebendigen Seestern oder eine Seegurke zu berühren.

 

Thilo 2013 3 2„Aquarium des schönen Meeres“ – Außenanlagen: Ein Wal aus Blumen!

Es folgen viel kleinere Becken mit den unterschiedlichsten Fischen, Scherentieren, Quallen usw. Ein Highlight des „Aquarium des schönen Meeres“ ist das gigantische Becken, in dem sich riesige Rochen und furchteinflößende Walhaie tummeln. In direkter Nähe befindet sich ein Restaurant, doch ich hatte viel zu große Angst, dass das Glas zerbrechen könnte, als das ich dort in Ruhe hätte Speisen können.

Thilo 2013 3 3„Aquarium des schönen Meeres“ – größtes Becken: Hier tummeln sich riesige Walhaie und gigantische Rochen!

Thilo 2013 3 4Eine andere Attraktion ist das „Haifisch Forschungslabor“, indem viele verschiedene Arten von Haien vorgestellt werden. Es liegen Hautproben aus, die man berühren darf. Dass ist daher interessant, da ja z.B. bei den echten japanischen Schwertern (Katana), am Griff unter der Wicklung Haifischhaut benutzt wird, da diese als besondern rutschfest gilt! Und in der Tat, die Haut der meisten Haie ist sehr rau! Aber nicht nur die Haut der Haie konnte man sich hier näher anschauen, sondern auch z.B. deren Anatomie. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch das Gebiss eines Ur-Hais namens „Megalodon“, der vor mehreren Millionen Jahren gelebt haben soll. Anhand eines Zahnes dieses Haies, der im Meer gefunden wurde, konnte das Gebiss rekonstruiert werden. Der „Megalodon“ war schätzungsweise 16-20 Meter lang!„Aquarium des schönen Meeres“ – Haifischforschungslabor: Das Gebiss des Megalodon. Zwar nur eine Nachbildung, aber immer noch sehr furchteinflößend!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ein weiteres Highlight sind die Delphin Shows, die mehrmals am Tag in speziellen Außenbecken, direkt am Strand stattfinden.Thilo 2013 3 5

„Aquarium des schönen Meeres“: Delfinshow am Strand

Ja, wie kam es also, dass Thilo für einen Tag lang zum Dan Träger wurde? Ganz einfach: Ein Freund eines Sensei aus dem Jundokan würde im März seine Hochzeit feiern. Zu diesem besonderen Anlass wollte der Sensei gerne eine kleine Karate Vorführung am Tag der Hochzeit geben und ich sollte ebenfalls daran teilnehmen. Da der Sensei mich nicht mit einem weißen Gürtel auf die Bühne lassen wollte, gab er mir einen von seinen schwarzen für diesen besonderen Anlass. So hatte ich die Gelegenheit, zumindest bei einem Teil einer okinawanischen Hochzeit dabei zu sein.

Da die Japaner es oft mit der Religion nicht so streng nehmen, feiern die meisten Leute heutzutage keine rein christliche oder rein shintoistische Hochzeit, sondern eine Art Mischform aus beidem. Die christliche Zeremonie in der Kirche, bei der die Braut das wunderschöne weiße Kleid tragen kann, ist sehr beliebt, da es aber bei der shintoistischen Zeremonie auch eine Kleidungsvorschrift gibt, kann es durchaus sein, dass die Braut (der Bräutigam natürlich auch) mehrmals am Tag ihre Kleidung wechseln muss.

Der „Priester“, der diese Zeremonie durchführt ist oft kein echter Priester, der ganz Akt ist eher symbolisch und man macht mit, weil das alle so machen und weil man dann so ein schönes Kleid tragen kann! Auf diese Art zu Heiraten ist aber nicht gerade billig und sowohl für das Brautpaar, als auch für die geladenen Gäste kann es sehr teuer werden. Anders als auf der Hauptinsel Japans, so wurde mir erzählt, nehmen an einer Hochzeitsfeier auf Okinawa viel mehr Leute teil. Und tatsächlich, bei der Vorführung schauten ca. 300 Leute zu. Die Feierlichkeiten fanden in einer Art auf Hochzeiten spezialisiertem Hotel statt, mit großem Festsaal, Bühne, einer kleinen Kapelle und sogar einem Brautkleid-Verleih. Während die Gäste sich bei Speis und Trank vergnügen konnten, wurden auf der Bühne mehrere Vorführungen zum Besten gegeben. Jede Vorführung dauerte ca. 5-10 Minuten. Beliebt sind zwar Vorführungen mit traditionellem Bezug, aber es wurde keineswegs nur Karate gezeigt! Auch Tanz, Gesang usw. wurde von Solokünstlern oder kleinen Gruppen dargeboten.

Wir zeigten zu dritt die Kata Sanchin, jeder jeweils eine weitere Kata und zum Schluss noch einige Formen mit dem Partner.

Thilo 2013 3 6Karate-Vorführung auf einer Hochzeit: Kata Sanchin!

Da wir nur zur Vorführung, nicht aber zur Zeremonie eingeladen waren, bekamen wir von dieser so gut wie nichts mit. Nichts desto trotz war dies eine wunderbare Erfahrung und natürlich eine große Ehre, für die Zeit der Vorführung den Schwarzgurt eines der Sensei des Jundokan getragen haben zu dürfen. Nur ein paar Tage später, am Ende des Monats, durfte ich wieder Zeuge eines sehr interessanten Ereignisses werden: Im Jundokan wurde nämlich eine Dan-Prüfung abgehalten! Ich wurde eingeladen mir die Prüfung anzuschauen und durfte sogar Fotos machen. Die Prüfung fand im Jundokan selbst statt und war mehr oder weniger öffentlich. Jeder konnte Fotos machen, nur Videoaufnahmen waren untersagt.

An der Prüfung nahmen etwa zwanzig Leute teil, viele reisten eigens für die Prüfung von Japans Hauptinseln an.  Die Prüfung fand an einem Samstag Nachmittag statt und dauerte insgesamt ca. zwei Stunden. Als ich im Dojo ankam, waren bereits alle Teilnehmer versammelt und wärmten sich jeder für sich auf. Obwohl ich nicht selbst an der Prüfung teilnehmen würde, konnte ich die Anspannung deutlich spüren, die in der Luft lag.

Die Sensei und Prüfer stellten an der Hauptseite unter dem Schrein mehrere Stühle auf, auf denen später die Prüfer Platz nehmen würden. Da es an den Wänden feste Spiegel gibt, wurden diese mit großen schwarzen Tüchern verhängt, sodass die Prüflinge nicht abgelenkt würden, während sie die Kata laufen oder die Partnerformen zeigen.

Als es dann Zeit wurde und die Prüfung beginnen konnte, stellten sich alle Anwesenden auf zum Angrüßen. Die Prüfer standen an der Spitze, dahinter die Prüflinge und ganz hinten die Gäste. Ein Angrüßen im Seiza findet eigentlich nie statt, nur manchmal, wenn sich Leute zu einem Gruppentraining zusammenfinden, wird im Stehen angegrüßt. Auch dieses Mal fand das Angrüßen im Stehen statt. Die Prüfer nahmen auf den bereitgestellten Stühlen Platz und die Prüflinge und Gäste setzten sich an den Rand des Dojo auf den Boden. Alle Anwesenden konnten die komplette Danprüfung von Anfang bis Ende sehen.

Prüfer gab es insgesamt Sechs. Jeder hatte den gleichen Bewertungsbogen, auf dem sie während der Prüfung Notizen machen und Punkte vergeben konnten. Die Prüfungen fingen an beim ersten Dan und gingen dann immer höher bis hin zum neunten Dan.

Die Anforderungen sind wie folgt: Jeder Prüfling muss auf jeden Fall die Kata Sanchin zeigen. Bei höheren Dangraden wird anstelle von Sanchin, die Kata Tensho gezeigt. Dann müssen zwei Kata gelaufen werden, welche das sind, ist von Dangrad zu Dangrad unterschiedlich. Zum Schluss muss der Prüfling mit einem Partner die Bunkai einer der beiden Kata, die er gelaufen ist, zeigen. Dabei muss nicht jede Bewegung erklärt werden, sondern es reicht aus, wenn fünf Sequenzen aus der Kata als Partnerform gezeigt werden.

Und das war’s auch schon! Keine SV, keine Kumite-Ura oder Kumite-Nage, kein Freikampf und keine Kihon. Nach beendeter Prüfung wurde natürlich ordentlich abgegrüßt, die Stühle weggeräumt und die schwarzen Tücher von den Spiegeln entfernt. Die Spannung, die vor der Prüfung zu spüren gewesen war, hatte sich aufgelöst und alle machten erleichterte Gesichter. Ob man bestanden hatte oder nicht, erfuhr man jedoch nicht gleich. Anhand der Notizen, die die Prüfer gemacht hatten, und anhand der Punkte, die sie vergeben hatten, würde in den nächsten Tagen entschieden werden, wer die Prüfung bestanden hatte, und wer nicht.

Zu guter Letzt möchte ich noch ein Gedicht vorstellen, das Chojun Miyagi seiner Zeit selbst verfasst hat.

Gedicht von Chojun Miyagi: In dieser Form zu finden an der Wand des Jundokan!

Hier noch einmal das Gedicht:Thilo 2013 3 7

Japanisch:

唐手とは何ぞや。

曰く、身に寸鉄を帯びず平時に於いては心胆を練り、寿康を計り、急に際しては身を守るの術也。即ち多くの場合、肉弾を以て敵を倒す事を原則とす。然りと雖も、機に臨み、変に応じ、器物を併用することマタナ亦無きに非ず。

 

Deutsch:

Was ist Karate?

Es wird gesagt, ohne auch nur die kleinste Waffe am Körper zu tragen, ist Karate in Friedenszeiten ein Mittel, sein Herz zu üben und seine Gesundheit zu erhalten, wohingegen es in Kriegszeiten eine Technik ist, mit der man den Körper beschützt.

Das bedeutet in vielen Fällen, dass das Besiegen eines Gegners im Nahkampf mit bloßen Händen zum Prinzip wird.  Aber trotzdem ist es nicht so, dass man nicht bei gegebenem Anlass und Gelegenheit, Möbelstücke oder Gegenstände benutzen sollte.

 

Das Ende des Gedichtes ist sehr interessant, denn hier sieht man die Verbindung zum Kobudo! Auf Okinawa sind Karate und Kobudo sehr eng miteinander verbunden. Man sieht deutlich, was im Gedicht beschrieben wird: Im Kobudo werden Alltagsgegenstände, wie z.B. ein Stock, Werkzeuge aus Landwirtschaft und Fischfang, Schildkrötenpanzer oder Ketten als Waffen zur Verteidigung eingesetzt.

Das war’s auch schon wieder für den Monat März! Mir ist zu Ohren gekommen, dass das Wetter in Ochtrup sich zum besseren wendet und ich hoffe für euch, dass das so bleibt!

Viele Grüße an Alle!

Thilo