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Okinawa Report - Mai 2013

Im letzten Bericht ging es ausschließlich um Karate. Daher soll es diesmal wieder um die Kultur im allgemeinen gehen. Und da gibt es diesen Monat etwas ganz besonderes, denn jedes Jahr im Mai findet in Naha das „Hari Matsuri“, zu Deutsch das „Drachenbootfest“ statt. Außerdem werde ich euch die „Sanshin“, eine Art okinawanische Gitarre und andere traditionelle Musikinstrumente vorstellen. 

Der Begriff „Hari“ ist Okinawanisch und bedeutet „Drachenboot“. Ab Anfang Mai finden mehrere Feste und damit verbundene Rennen statt. Da es möglich war, haben wir natürlich an solch einem Drachenbootrennen teilgenommen.

Ohne Zweifel sind die Drachenbootrennen das Mainevent der Feste, aber darüber hinaus gibt es noch vieles mehr. So erinnern beispielsweise die vielen Spiel- und Essbuden oder Bühnen, auf denen verschiedene Gruppen Shows oder Gesang zum Besten geben schon sehr stark an eine Kirmes.Thilo Mai13 1

Hari Matsuri: Essbuden am Tag des Rennen’s entlang des Hafens in Naha.

Es nehmen sehr viele unterschiedlich Teams an den Rennen, die an mehreren Tagen stattfinden, teil. So gibt es z.B. Schul- und Uni- Teams, Teams vom US Militär, gewöhnliche-Leute Teams oder Teams aus den okinawanischen Dörfern .

Wir bildeten mit ca. 50 Leuten eines der Uni-Teams. Es treten immer drei Teams aus der gleichen Kategorie gleichzeitig gegeneinander an. Ziel ist es, eine Strecke von 2 x 250 Metern am schnellsten zurückzulegen. Dabei ist besonders die Kehrtwende nach den ersten 250 Metern schwierig.

50 Leute in einem Team mag jetzt dem ein oder anderen viel vorkommen, aber in einem Drachenboot finden allein schon 34 Ruderer Platz. Dazu kommt ein Steuermann, mehrere Fahnenträger, ein „Gong-Schläger“ usw.

Wenn nicht alle im Einklang arbeiten, bewegt sich das schwere Boot aus Holz kaum von der Stelle. Da es nicht so sehr auf Kraft, sondern eher auf Technik ankommt, bereiteten wir uns auch etwa einen Monat auf das Rennen vor.

Bei der besonderen Technik gilt es, wie im Karate, die Kraft nicht ausschließlich aus den Armen zu holen sondern aus der Hüfte und dem unteren Rücken.

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Hari Matsuri: Drachenbootrennen im Hafen Naha’s

Die speziellen Paddel namens „Eku“ , die hier Verwendung finden, sind für Paddel eigentlich ziemlich schmal und verdrängen nur recht wenig Wasser, was die ganze Sache noch einmal etwas erschwert.

Die Drachenboote gibt es schon lange auf Okinawa, aber ursprünglich kommen diese besonderen Boote wohl eher aus einem anderen Teil Asiens. Auch heute noch sind sie in Thailand und China wohl bekannt. Auch dort gibt es Mannschaften und Drachenbootrennen, ähnlich wie auf Okinawa.

Der Name kommt, wie man auf dem unteren Bild erkennen kann, daher, dass der Bug des Bootes die Form eines Drachenkopfes hat und meist auch eine dementsprechend furchterregende Grimasse schneidet.

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Für die Zeit des Rennens trugen wir besondere Kleidung, ein Extra, mit dem nicht jedes Team aufwarten konnte.

Der Gong gibt den Rhythmus vor. Im Einklang mit diesem Gong wird beim Zurückziehen des Paddels, um Kraft aufzubauen und um mit dem Rhythmus eins zu werden, ein Schrei ausgestoßen (ähnlich dem „Kiai“ im Karate).

Hari Matsuri: Das Team der Ryukyu-Universität

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Für den täglichen Gebrauch, wie z.B. den Fischfang, eignen sich die Drachenboote allerdings nicht. Das Boot ist zu schwer, zu viele Leute werden benötigt damit es sich überhaupt bewegt. Daher sieht man diese Boote ausschließlich auf diesen Drachenbootfesten. Wie oben erwähnt wird eine Strecke von insgesamt 500 Metern zurückgelegt. Das kommt auch nicht von ungefähr, denn das Rudern mit den Eku ist unglaublich anstrengend und man kommt nicht wirklich schnell voran. Ergo, für Touren ist das Drachenboot auch nicht geeignet. 

Zum Fischen wurde wohl eher solch ein Boot, wie auf dem Foto links zu sehen, benutzt.

Man sieht hier ganz schön die Eku, die schmalen Ruder. Vielleicht ist es euch bereits aufgefallen? Genau! Diese Eku werden auch im Kobudo als Waffe verwendet!

Der Gebrauch ähnelt dem eines Langstocks, aber mit einer vergleichsweise dicken Seite ergeben sich neue Möglichkeiten für den Einsatz im Kampf. So kann man z.B. mit einem Eku leicht Sand aufwirbeln und evtl. den Gegners blenden.

Museum in Oku: Fischerboot und Eku 

 

Thilo Mai13 5Den krönenden Abschluss bildete nach Einbruch der Dunkelheit dann ein, von ruhiger Musik begeleitetes Feuerwerk am Hafen.

Und zum Ausgang des Rennens: Unser Team konnte sich erfolgreich behaupten und errang sogar den Sieg und somit den ersten Platz in unserer Kategorie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben den Drachenbooten gab es da noch die Musik. Okinawa ist bekannt für ein Instrument namens „Sanshin“. Das bedeutet wörtlich übersetzt „drei Seiten“ und beschreibt eine Eigenschaft des Instruments. Es hat nämlich nur drei Seiten.

 

Neben der Sanshin gibt es aber noch andere interessante Instrumente, die ich euch im Folgenden einmal vorstellen möchte.

Zu diesem Zweck habe ich eigens das Musikgeschäft „Ryukyu Gakki Matayoshi“ an der Sogenji Dori aufgesucht und mir die wichtigsten Instrumente, deren Herstellung und Herkunft ausführlich erklären lassen.

Beginnen wir mir der „Sanshin“. Wie auf dem Bild unten zu sehen, hat die Sanshin tatsächlich nur drei Seiten. Das Instrument besteht aus einem langen hölzernen Teil und dem Klangkörper, welcher „Do“ genannt wird.Thilo Mai13 6

 

 Sanshin: Diese Sanshin (vorne im Bild) sind mit echter Schlangenhaut überzogen und kosten ca. 5000 €.

Der Do besteht ebenfalls aus Holz, wird aber offensichtlich noch mit einem besonderen Material verkleidet. Früher verwendete man echte Schlangenhaut. Okinawa ist zwar für die giftige Habu (Schlange) berühmt, aber diese Schlange ist relativ klein und eignet sich daher nicht. Bei dem Material handelt es sich um die Haut einer „Nishikihebi“ , einer Python. Diese gibt es nicht auf Okinawa, daher muss die Schlangenhaut (meist aus Vietnam) importiert werden.

Heute wird allerdings in der Regel ein Imitat aus Nylon benutzt. Das ist zum einen viel billiger, zum anderen sind die echten Schlangenhäute hitzeempfindlich, was im Sommer oft dazu führt, dass diese reißen. Außerdem wird das Jagen von Pythons auch in Vietnam nicht mehr gerne gesehen, was die Beschaffung des Materials zusätzlich erschwert.

Da man zwei Häute benutzt, entsteht eine unschöne Naht an der Seite, die von dem reich verzierten Stoffmantel namens „Dokake“ verdeckt wird. Das auf dem Bild zu sehende Symbol war ursprünglich das Wappen des Königs von Ryukyu und durfte nur von diesem benutzt werden. Da es heute aber keinen König mehr gibt, darf jeder dieses Zeichen benutzen.

 

Thilo Mai13 7 aDer hölzerne teil wird aus solchen Blocken in aufwendiger Handarbeit (ca. 1 Monat) geschnitzt. 

Sanshin: Diesen Teilen fehlt noch der Feinschliff und der Lack

Ist dies getan, wird das fertige Teil an einen Lackierer übergeben, der das Holz dann mit einem schwarzen oder braunen Lack überzieht.

Bei den Sanshin auf dem oberen Bild wurde Holz eines seltenen Baumes aus Afrika verwendet – ein Grund, weshalb diese so teuer sind.   

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Auf dem rechten Foto sieht man einen weiteren wichtigen Teil der Sanshin: Den Do. Der hölzerne Teil und der Do werden nur noch zusammengesteckt. Gehalten wird dies durch die Seiten, für die man damals Seide, heute aber (aus ähnliche Gründe wie bei der Schlangenhaut) Nylon verwendet.

Oben in diesem Bild sind drei alte Sanshin zu sehen. Das Besondere an ihnen ist das Material, aus dem der Klangkörper gefertigt ist. Bei einer Version wurde Stoff von Fallschirmen benutzt. Da nach dem 2. Weltkrieg die Rohstoffe knapp waren, musste man sich irgendwie behelfen. Was die amerikanischen Besatzer nicht mehr gebrauchten, wurde wiederverwertet.

So gibt es z.B. auch Sanshin aus einfachen Blechdosen .

                                                                                  Oben: Alte Sanshin/ Unten: Sanshin Do

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Sanshin: Schlangenhaut  

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Auf dem obigen Bild lässt sich gut die verwendete Schlangenhaut erkennen. Nur der Do wird mit Schlangenhaut verkleidet. Das ist nicht eine bloße Verzierung sondern verändert auch den Klang der Sanshin.

Sanshin spielt man normalerweise nicht mit den bloßen Händen. Man nimmt einen „Tsume“, eine Art Plektrum (wörtlich „Kralle“ oder „Nagel“) zur Hilfe.

Die Tsume werden traditionell aus den Hörnern von Wasserbüffeln hergestellt . Diese gab es auf Okinawa zahlreich. Sie wurden vor allem als Arbeitstiere in der Landwirtschaft eingesetzt. Heute gibt es keinen einzigen mehr. Nur auf kleineren Nachbarinseln sind sie ab und an noch zu finden.Thilo Mai13 11

Tsume: Links – Wasserbüffelhorn / Rechts – Kuhhorn

Neben den Sanshin gibt es allerdings noch eine Vielzahl anderer traditioneller okinawanischer Instrumente. Eines davon ist die „Kokyu“. Sie ähnelt der Sanshin in Machart und Erscheinung sehr, wird aber gespielt wie eine Geige oder eine Violine. Zum Streichen der Kokyu wird Pferdehaar verwendet. Sanshin und Kokyu

 

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Ein weiteres Instrument ist die „Koto“. Was hier auf dem Bild aufrecht steht liegt eigentlich waagerecht auf dem Boden.

Eine Koto besitzt insgesamt 13 Saiten und ist ca. 1,80m lang. Auch für die Saiten der Koto wird heutzutage in aller Regel Nylon oder ein ähnliches Material verwendet.

Die Koto ist auch auf Japans Hauptinsel zu finden.

Koto: Ein Saiteninstrument

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Hier sind einige kleine „Taiko“ zu sehen. Es handelt sich dabei um Trommeln, die oft aus Kuhhaut hergestellt werden.

Diese kleinere Variante wird vor allem bei Festen und Tänzen eingesetzt. Durch die Verschnürung an der Seite kann sie gut in einer Hand gehalten werden.

Taiko: Kleine Variante für Tänze und Feste

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Neben der Sanshin, der Kokyu und den größeren Taiko sind auch die Flöten, auf Japanisch „Fue“, ein wichtiger Bestandteil in der traditionellen Musik Okinawa’s.

Diese Flöten werden aus Bambus hergestellt.

 

Musik, die damals am Hof des Königs gespielt wurde bezeichnet man als „Kotenongaku“.

Musik des einfachen Volkes bezeichnete man als „Minyo“.

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Ein interessantes Instrument, was man nicht nur auf Okinawa sondern auch anderen Inseln wie z.B. Hawaii öfter findet ist die Muschel.

Diese werden allerdings vor allem bei Festen oder Zeremonien eingesetzt.                                                                          

                                                                              Muscheln: „Horagai

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Bleibt nur noch: Der Gong! Hier wird er „Shogo“ genannt.

Man erzählte mir, dass dieses Instrument ursprünglich aus China stamme, dann aber seinen Weg zuerst nach Okinawa und von da aus weiter zu Japans Hauptinsel gefunden habe.

Wie die Muscheln wird auch der Gong vor allem bei Festen oder Zeremonien verwendet.

Zum Beispiel beim Drachenbootfest!!!

So schließt sich der Kreis und ein weiterer Bericht geht zu Ende.

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  Ich höre, dass es in Deutschland wieder kalt geworden ist und das Wetter sehr zu wünschen übrig lässt.

Hier auf Okinawa ist es mittlerweile zwar ziemlich warm, aber gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch (98%). Während der Monate Mai und Juni regnet es zudem noch (fast) jeden Tag, denn es ist Regenzeit. Diese Kombination macht diese Monate zu den unangenehmsten des ganzen Jahres.

Euch wünsche ich auf jeden Fall endlich mal einen richtig schönen Sommer.

In diesem Sinne Tschüs und bis nächsten Monat!

Viele Grüße,

Thilo